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"Gemeinnützige haben einen immensen Vortei: Oft ist wenig Geld vorhanden"- Interview mit Rudi Piwko/Socius im Fundraiser-Magazin 3/2010

? Herr Piwko, was verstehen Sie unter Organisationsentwicklung, gerade im gemeinnützigen Bereich?

Ein Organismus entwickelt sich auch von alleine, aber eine zielgerichtete, begleitete Organisationsentwicklung (OE) bezieht möglichst viele entscheidende Momente im Leben einer Struktur mit ein. Wie im Profit-Bereich bedeutet dies auch im gemeinnützigen Bereich nicht nur die Wirtschaftlichkeit, sondern besonders auch die Sinnhaftigkeit des Tuns und die Motivation der Beteiligten im ersten Schritt zu analysieren.

? Welche Bedeutung kommt ihres Erachtens dabei dem Begriff "Führung" zu?

Besonders erfolgreiche Beispiele einflussreicher Führung sehen wir dann, wenn eine Führungskultur authentisch mit viel Kontakt gelebt wird. Dabei wird aus meier Sicht Führung immer von allen mitgestaltet: Die Geführten führen auch die Leitung - wie das Zusammenspiel funktioniert, hängt stark davon ab, wer sich für was verantwortlich fühlt. Wie ist die "Ownership" verteilt, also wem gehört "gefühlt" die Organisation?

? Gibt es ein explizites Führungskonzept gemeinnütziger Organisationen?

Gemeinnützige haben einen immensen Vorteil: Oft ist wenig Geld vorhanden. Die Verlockung ist also geringer, Gehorsam und Unterordnung hierarchisch einzukaufen. Dafür wird die Sinnfrage häufiger gestellt, es wird erfreulich viel diskutiert und die Strukturen sind flacher. Dies kann natürlich auch in ein ineffektives Wabern umschlagen. Insofern müssen gemeinnützige Organisationen sehr genau auf eine Kongruenz zwischen Zielen und Methoden achten. Eine straffere Führungsstruktur bei Greenpeace wird von den Mitarbeitern und der Öffentlichkeit akzeptiert, bei Attac würde dies auf Widerstand stoßen.

? Inwiefern lässt sich Organisationsberatung als Bestandteil eines Marketing- und/oder Kommunikationskonzeptes denken?

Der Lehrsatz, dass die Kommunikation einer Organisation mit der Außenwelt selten besser ist, als die innere Kommunikation, ist folgenreich: Das bedeutet, dass die Zielgruppe oder die Finanziers schnell mitbekommen, wie es um die Kultur der Organisation bestellt ist. So können innere Defizite in kurzer Zeit gefährlich werden. Ich meine, dass dies bei Organisationen, die häufig sensible Inhalte oder Dienstleistungen an Menschen "verkaufen", besonders heikel sein kann, wenn das innere Klima und die Abläufe zu wünschen übrig lassen. Bei Lidl war es den meisten Käufern trotz Titelstories in den Zeitungen eher egal, ob die Verkäuferinnen bespitzelt worden sind - bei UNICEF gab es einen Einnahmeeinbruch von einem Drittel wegen unklarer Kontrollmechanismen. Positiv formuliert: Mitreißende innere Organisationsentwicklung ist eine hervorragende Grundlage für ebenso motivierende Kampagnen in der Öffentlichkeit.

? Was ist der OE-Tag und an wen richtet er sich?

Die Besonderheit der Organisationsentwicklung und Führung soll positiv diskutiert werden und nicht immer an Skandalen (z.B. Maserati/Ehlert) oder Defiziten aufgehängt sein. Für einen Austausch unter Führungskräften und Beratern haben wir mit Gleichgesinnten im Berliner OE-Tag ein Forum zum Austausch geschaffen, das wir jetzt schon zum dritten Mal organisieren.

? Herr Piwko, was wünschen Sie sich zum Gelingnen des OE-Tages?

Wir planen ein Forum, das offener als übliche Tagungen Raum für Kreativität, Begegnung und Fragen bietet. Ich wünsche mir, dass möglichst viele Engagierte aus dem gemeinnützigen Bereich "Teilhaber" dieses Forums werden können.